Brief an den Innenminister des Bundes und die Innenminister der Länder Brandenburg und Sachsen

Zum Thema „Minderheitensprachenmobbing in Deutschland: Sorben und Wenden werden wegen Sprache angegriffen“ hat der Vorstand der GBS nun auch jeweils einen Brief an den Innenminister des Bundes (Horst Seehofer) und die Innenminister der Länder Brandenburg (Karl-Heinz Schröter) und Sachsen (Prof. Dr. Roland Wöller) geschrieben.

Den Brief können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.


Minderheitensprachenmobbing in Deutschland: Sorben und Wenden werden wegen Sprache angegriffen

Dass staatliche Institutionen oder gesellschaftliche Gruppen den Gebrauch einer Sprache gewalttätig unterdrücken, so dachten wir, sei ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Ein Bericht in der Zeit Nr. 06/2109 hat uns hier kürzlich die Augen geöffnet und blankes Entsetzen ausgelöst. Der Gebrauch des Sorbischen, eine der wenigen offiziell anerkannten Minderheitensprachen in Deutschland, wird jetzt wieder als Anlass für verbale und handgreifliche Attacken genommen. Wie kann es sein, dass hier mitten in Europa eine seit weit über 1000 Jahren sesshafte, heute recht kleine Bevölkerungsgruppe, seit Langem als schutz- und förderungswürdig anerkannt, jetzt von randalierenden Schlägern, nicht zufällig vornehmlich von Rechtsextremisten, attackiert wird? Das Vorgehen erinnert in fataler Weise an die Anfänge der Verfolgung der Sorben und Wenden im Nationalsozialismus. Hier gilt es, sich energisch dagegen zu wehren und dafür zu sorgen, dass diese Angriffe sofort gestoppt werden. Dazu gehört, dass Angriffe auf Sorben und Wenden von den zuständigen Behörden systematisch dokumentiert und polizeilich verfolgt werden. Die zuständigen Innenministerien in Dresden und Potsdam müssen klar Stellung beziehen und Gegenstrategien entwickeln und umsetzen, unterstützt vom Bundesinnenministerium.

Man sollte meinen, dass eine anerkannte und alteingesessene Minderheitensprache wie Sorbisch/Wendisch im Vergleich mit vielen Hunderten von anderen Idiomen weltweit recht gute Überlebenschancen haben müsste. Die Menschen in der Lausitz, sofern sie diese Sprache sprechen, schreiben oder zumindest als kulturelles Erbe achten, sind nicht von Hungersnot, Erdbeben, Vertreibung oder staatlicher Unterdrückung bedroht. Im Gegenteil: Der Gebrauch der traditionellen Sprache wird staatlich unterstützt, was wir nachdrücklich begrüßen. Nicht zuletzt deshalb ist diese neuerliche Form der aktiven Unterdrückung umso schockierender.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass ein sorbischsprachiges Bildungssystem im Prinzip gegeben, aber viel zu schwach ausgebaut ist. Laut aktuellem Kommissionsbericht sind die Erfolge in sorbischsprachiger Schulbildung in der brandenburgischen Niederlausitz eher mager. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Aber wenn man abends auf der Straße Angst haben muss, nur weil man Sorbisch/Wendisch spricht, macht das alle Bemühungen in dieser Richtung zunichte.

Dabei ist auch nicht zu vergessen, dass die Lausitz nach der Kölner Bucht das zweite große deutsche Braunkohlerevier ist. Viele Dörfer wurden umgesiedelt oder die Bewohner anderswohin verstreut. Man kann davon ausgehen, dass Sorbisch/Wendisch wichtige Domänen des lebendigen Gebrauchs verliert, wenn alte nachbarschaftliche Beziehungen nicht mehr zum kommunikativen Alltag gehören.

(Textbeiträge: Arndt Wigger, Nikolaus Himmelmann, Katharina Haude)